Presseinformation
Dunkle Materie und Dunkle Energie – eine Herausforderung für Physiker und Kosmologen
Nur 5% des Universums besteht aus bekanntem Material, wie Messungen der Astronomen ergeben haben. Für einen großen Teil der Gravitationswirkung in Galaxien muss bisher unbekannte Materie verantwortlich sein. Weiterhin deutet die Messung der Helligkeit weit entfernter Supernova-Explosionen darauf hin, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt, wofür die rätselhafte „Dunkle Energie“ verantwortlich gemacht wird. Die Eigenschaften der Dunklen Materie und der Dunklen Energie zu erforschen, erfordert die Zusammenarbeit von Physikern, Astronomen und Kosmologen. Ihr Verständnis könnte ein Meilenstein auf dem Weg zur Weltformel sein. In der Zeit vom 8. bis 11. Dezember 2003 treffen sich Spezialisten aus aller Welt zum 315. WE-Heraeus-Seminar in Bad Honnef, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
Die Vorträge (in englischer
Sprache) sind öffentlich.
Die
Vorgänge im Universum geben immer mehr Rätsel auf, je genauer die Messungen
werden. Neue Untersuchungen zeigen, dass nur ein geringer Teil der Materie im
Weltall aus bekannten Elementen besteht. Zudem bläht sich das Universum immer
schneller auf. Eine Erklärung dafür suchen Wissenschaftler aus den verschiedenen
Bereichen der Physik und Astronomie auf ihrer Tagung in Bad Honnef.
Bild:
Kosmische Pizza
Die bekannten Bausteine der Materie wie Atome und Moleküle machen nur 5 % des Universums aus. Der größte Teil davon ist intergalaktisches Gas. Die leuchtenden Sterne tragen nur einen Anteil von 0,5% bei.
Dabei
sah es noch vor wenigen Jahren so aus, als ob sich die Entstehung des Universums
durch den Urknall mit den Kräften und Teilchen beschreiben lässt, die aus den
Laborexperimenten der Elementarteilchenphysiker bekannt sind.
Der
Nachweis der Kosmischen Hintergrundstrahlung im Jahre 1965 bestätigt die Theorie
des Urknalls. Immer detailliertere Untersuchungen der Fluktuationen dieses Relikts
aus der Anfangszeit des Universums helfen den Kosmologen, ihre Modelle zu
verbessern. Die Hubble Konstante, die ein Maß für die
Ausdehnungsgeschwindigkeit des Universums ist, wurde mit verschiedenen
Experimenten genauer bestimmt und die Dichte der normalen Materie aus dem
Vorkommen leichter Elemente in entfernten Galaxien abgeschätzt.
Aber
die Untersuchung der Bewegung von Galaxien deutet darauf hin, dass nur ein
geringer Teil der Materie „sichtbar“ ist und durch Strahlung in irgendeiner
Weise nachgewiesen werden kann. „Die Evidenz für Dunkle Materie ist eindeutig,
auf Skalen von Galaxien, Galaxienhaufen und für das Universum als Ganzes.
Selbstverständlich bildet unser fehlendes Wissen über die Natur der Dunklen
Materie eine schmerzliche Lücke im Verständnis der physikalischen Welt,“
erklärt Prof. Peter Schneider, einer der Organisatoren der Tagung.
Kandidaten
für die Dunkle Materie sind noch nicht entdeckte Bausteine der Materie, wie sie
einige theoretische Modelle vorhersagen. Bisher reichten die Energien irdischer
Experimente jedoch nicht aus, um diese Teilchen in den Teilchenschleudern zu
erzeugen. Daher ist das Universum auch für die Elementarteilchenphysiker ein gigantisches
Labor. Und das nächste Elementarteilchen wird vielleicht im Weltraum entdeckt.
Eine
Erkenntnis haben die Messungen schon erbracht. Seit geraumer Zeit werden
Neutrinos, die von der Sonne abgestrahlt werden, genauer untersucht. Dabei
zeigte sich, dass diese Teilchen nicht masselos sind. Neutrinos, die häufigsten
Bausteine der bekannten Materie, tragen daher auch zur Masse des Universums
bei. Aber als Kandidaten für die Dunkle Materie sind sie nicht geeignet. Ihr
Anteil macht nur etwa 0,47 % aus.
Äußerst
verwirrend ist eine Tatsache, die sich aus der Untersuchung weit entfernter Sternexplosionen
ergibt. Sie zeigen den Astronomen, dass sich das Universum beschleunigt
ausdehnt. Die Ursache dafür ist vollkommen unbekannt. Dunkle Energie ist
derzeit die häufigste „Erklärung“ für dieses Phänomen. Darunter verstehen die
Physiker eine Art „Antischwerkraft“, die Materie nicht zum Kollaps bringt,
sondern auseinander treibt. Aber auch eine so genannte kosmologische Konstante,
wie sie schon Einstein in seine Gleichungen eingefügt hatte, ist wieder im
Gespräch. Einstein führte diese Größe ein, um ein statisches Universum zu
beschreiben. Als später die Expansion des Universums durch Hubble entdeckt
wurde, soll er die kosmologische Konstante als die „größte Eselei“ bezeichnet
haben. Aber vielleicht war er doch wieder einmal nur seiner Zeit voraus.
Prof.
Hans Peter Nilles, theoretischer Physiker an der Universität Bonn, meint dazu:
„Seit fast hundert Jahren ist die kosmologische Konstante eines der großen
Rätsel der theoretischen Physik. Sie ist komplett überflüssig, scheint aber
trotzdem den Schlüssel zu einer vereinheitlichten Theorie aller physikalischen
Phänomene zu sein.“
Selbst
Albert Einstein ist es nicht gelungen, die vier fundamentalen Kräfte der Physik
in einer Theorie zusammenzufassen. Heute suchen die Physiker immer noch nach
der „Weltformel“. Eine Lösung sehen viele Forscher im Rahmen von Superstringtheorien.
Mit ihr können alle bekannten Teilchen und ihre Wechselwirkungen beschrieben werden.
Die Dunkle Materie hat ihren Ursprung möglicherweise in neuen hypothetischen
Bausteinen dieser Theorie.
Die
Beschreibung der Dunklen Energie erweist sich allerdings als problematisch. Ein
erster Durchbruch konnte kürzlich von einer Forschergruppe um Professor Linde
von der Universität Stanford erzielt werden (siehe Artikel der New York Times
vom 2.9.2003).
Trotzdem
bleiben noch viele Fragen über Ursprung und Art der Dunklen Materie und Dunklen
Energie offen. Eine Herausforderung an die nächste Generation der Forscher. Es
bleibt spannend in der Physik.
Im
Physikzentrum Bad Honnef, Hauptstraße 5, treffen sich nun führende theoretische
Physiker, Astronomen und Kosmologen, unter ihnen Andre Linde (Stanford University,
USA), Joseph Silk (Oxford, England) und Simon White (MPI für Astrophysik, Garching),
um die Geheimnisse des Universums zu ergründen. Unterstützt wird die Veranstaltung
von der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung, Hanau
Am
Freitag, dem 12.12.2003 um 16.15 Uhr wird Professor Andre Linde zudem im
Physikalischen Kolloquium der Universität Bonn im Rahmen der
Plücker-Vorlesungen einen Vortrag zu diesem Thema halten: „Inflation, Dark
Energy and the Fate of the Universe“ (Physikalisches Institut, Nussallee 12,
Hörsaal 1).
Das Programm finden Sie
unter:
http://www.th.physik.uni-bonn.de/nilles/darkmatter
Weitere Informationen zu den
Veranstaltungen erhalten Sie von
Prof. Hans Peter Nilles
Physikalisches Institut
Nussallee 12
53115 Bonn
Tel.: 0228 73 9029
Email: nilles@physik.uni-bonn.de
Prof. Peter Schneider
Institut für extraterrestrische
und Astrophysik
Auf dem Hügel 71
53121 Bonn
Tel.. 0228 73 3671
Email: peter@astro.uni-bonn.de